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Rothirsch
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Der Rothirsch (Cervus elaphus) ist eine Art der Echten Hirsche. In der JĂ€gersprache spricht man vom Rotwild. Wie bei den meisten anderen Vertretern der Hirsche bildet nur das mĂ€nnliche Tier jĂ€hrlich ein Geweih aus. Im mitteleuropĂ€ischen Raum ist der Rothirsch eines der gröĂten freilebenden Wildtiere und kommt hier fast nur noch in Waldbiotopen vor. UrsprĂŒnglich war er Bewohner offener und halboffener Landschaften.
Der Rothirsch wurde zum Tier des Jahres in Deutschland 1994, 2002 und 2026 gewÀhlt.cite-ref-1[1]
Contents
âą Merkmale
âą Haarkleid
âą Geweih
âą Stimme
âą Sinne
âą Verbreitung
âą Lebensraum
âą Lebensweise
âą Nahrung
âą Nahrungserwerb
âą Sozialstruktur
âą Fortpflanzung
âą Systematik
âą Unterarten
âą JĂ€gersprache
âą Vorgeschichte
âą Altertum
âą Mittelalter
âą Barock
âą Romantik
âą Gegenwart
âą Feldschaden
âą Waldschaden
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Merkmale
KörpergröĂe und Gewicht
Der Rothirsch ist eine der gröĂeren Hirscharten, wobei es zwischen den Unterarten teilweise erhebliche Unterschiede bezĂŒglich der KörpergröĂe gibt. In der Regel liegt die Kopf-Rumpf-LĂ€nge mĂ€nnlicher Tiere bei 180 bis 205 Zentimeter, die der weiblichen bei 165 bis 180 Zentimeter, hinzu kommt jeweils ein 14 bis 16 Zentimeter langer Schwanz. Entsprechend betrĂ€gt die Schulterhöhe 105 bis 130 beziehungsweise 95 bis 115 Zentimeter.cite-ref-mattioli-2011-2-0[2] Ebenso schwankt das Gewicht betrĂ€chtlich. Besonders kleinwĂŒchsige Tiere leben auf Sardinien und Korsika. Sie erreichen dort nur ein Gewicht bis zu 80 Kilogramm.cite-ref-3[3] Die schwersten Individuen wurden bisher in den Karpaten und in Bulgarien beobachtet, hier erreichen MĂ€nnchen bis zu 350 Kilogramm, Weibchen bis zu 200 Kilogramm Körpergewicht. Ausgewachsene MĂ€nnchen sind in der Regel um 10 bis 15 Prozent gröĂer und 50 bis 70 % schwerer als ausgewachsene Weibchen (HirschkĂŒhe).cite-ref-4[4]cite-ref-mattioli-2011-2-1[2]
Ebenso sind auch markante Gewichtsunterschiede innerhalb der in Mitteleuropa verbreiteten Populationen belegt. Im Harz, Reinhardswald und der Region Westfalen geschossene, zehnjĂ€hrige Tiere wogen durchschnittlich zwischen 100 und 113 Kilogramm.cite-ref-5[5] Im Wallis dagegen wogen gleichaltrige Individuen 148 Kilogramm und im Gebiet um Hohenbucko, Brandenburg 168 Kilogramm.cite-ref-6[6] Der Rothirsch unterliegt allerdings im Jahresverlauf betrĂ€chtlichen Gewichtsunterschieden: MĂ€nnliche Tiere erreichen ihr jĂ€hrliches Gewichtsmaximum in der Regel kurz vor der Brunft und verlieren dann wĂ€hrend der Brunft bis zu 25 Prozent ihres Körpergewichts.cite-ref-7[7] Zu den GröĂen- und Gewichtsunterschieden zwischen einzelnen Populationen derselben Unterart tragen unterschiedliche ErnĂ€hrungsbedingungen und KlimaeinflĂŒsse bei. GrundsĂ€tzlich nehmen KörpergröĂe und Körpergewicht des Rothirsches von West- und Nordwesteuropa mit ozeanischem Klima in Richtung Ost- und SĂŒdosteuropa mit kontinentalem Klima zu. Diese GröĂenunterschiede entsprechen der Bergmannschen Regel, die besagt, dass warmblĂŒtige Tiere einer Art in kĂ€lterem Klima durchschnittlich gröĂer sind.cite-ref-8[8]
Besondere Merkmale des Körperbaus
Der Rothirsch weist eine breite Brust, einen verhĂ€ltnismĂ€Ăig langen, schlanken Hals sowie einen nach vorn verschmĂ€lerten Kopf auf. Der Schwanz verschmĂ€lert sich zur Spitze hin. Der Rothirsch hat mittelgroĂe Augen, zugespitzte Ohren von halber KopflĂ€nge und hohe schlanke FĂŒĂe. Die Afterklauen berĂŒhren bei normaler Fortbewegung den Boden nicht. Die WirbelsĂ€ule ist gerade gestreckt und weist den Rothirsch als LĂ€ufertypus aus, wĂ€hrend das nicht zu den Echten Hirschen (Cervini), doch ebenfalls zur Familie Hirsche (Cervidae) zĂ€hlende Reh mit seiner leicht gekrĂŒmmten und nach vorn abfallenden WirbelsĂ€ule im Vergleich dazu dem SchlĂŒpfertypus zuzurechnen ist. Rotwild, das sich bedroht fĂŒhlt, flĂŒchtet in schnellem und ausdauerndem Lauf. Die Tiere galoppieren nur ĂŒber kurze Strecken. Die normale Laufform auf der Flucht ist ein weitausgreifender und krĂ€fteschonender Trab.cite-ref-wag47-9-0[9]
Das Rothirschgebiss besteht aus 34 ZĂ€hnen. Im oberen Gebiss fehlen die SchneidezĂ€hne. Dort finden sich auf jeder Kieferseite je ein Eckzahn, drei VormahlzĂ€hne, die sogenannten PrĂ€molare, und drei MahlzĂ€hne, die Molare. Zwischen den Eck- und den BackenzĂ€hnen besteht eine LĂŒcke, das sogenannte Diastema. Das untere Gebiss entspricht im Aufbau dem oberen. Hier bestehen zusĂ€tzlich je GebisshĂ€lfte aber noch drei SchneidezĂ€hne.cite-ref-10[10]
Der Rothirsch weist eine Reihe von DuftdrĂŒsen auf, deren Duftsignale im Sozialleben eine Rolle spielen. AuffĂ€llig ist die VoraugendrĂŒse (auch TrĂ€nengruben oder Anorbitalorgan), die allen geweihtragenden Hirschen zu eigen ist. VoraugendrĂŒsen sondern besonders zur Brunftzeit ein markant riechendes, brĂ€unliches Sekret ab, die sogenannten HirschtrĂ€nen, welche die Tiere durch Reiben an BĂ€umen oder StrĂ€uchern zur Markierung abstreifen. Eine weitere DuftdrĂŒse ist das Metatarsalorgan, das sich an der AuĂenseite der HinterlĂ€ufe dicht unter dem Sprunggelenk befindet. Das Sekret dieser DrĂŒse wird am niedrigen Bodenbewuchs abgestreift, so dass die Tiere eine DuftfĂ€hrte hinterlassen. Das Circumcaudalorgan oder WedeldrĂŒse sitzt beim Rothirsch in der NĂ€he der Schwanzwurzel. Es schwillt wĂ€hrend der Brunft stark an. Durch Beknabbern und Belecken verteilen die Tiere das Sekret dieser DrĂŒse in ihrem Haarkleid.cite-ref-11[11] Auch das noch mit Bast ĂŒberzogene Geweih besitzt zahlreiche DuftdrĂŒsen, die ein gelblich-braunes Sekret absondern. Dieses Sekret wird an Zweigen und Grashalmen abgestreift und hinterlĂ€sst eine sehr dauerhafte DuftfĂ€hrte.cite-ref-12[12]
Haarkleid
Die FÀrbung des Haarkleides variiert in AbhÀngigkeit von Jahreszeit, Geschlecht und Alter. Von den Tasthaaren am Maul abgesehen, werden sÀmtliche Haare zweimal jÀhrlich gewechselt.cite-ref-13[13]
In Mitteleuropa setzt das Wachstum des Sommerfells im Mai bis Juni ein. Es hat einen, fĂŒr den Rothirsch charakteristischen, rotbraunen Haselnusston. Im September bis Oktober wechselt die Mehrzahl der Tiere zu einem graugelben bis graubraunen Winterfell. Bei Ă€lteren Individuen kann dieser Fellwechsel auch schon im August einsetzen. Das Winterfell ist im Vergleich zum Sommerfell struppiger und besitzt unter den Grannenhaaren ein dichteres Wollhaar. Winterhaare sind im Durchschnitt doppelt so lang wie die Sommerhaare. WĂ€hrend Sommerhaare einen ovalen Querschnitt haben, ist dieser beim Winterhaar rund und hohl, wodurch eine wĂ€rmende Luftpolsterung entsteht.cite-ref-14[14]
Das Haarkleid der KĂ€lber ist rotbrĂ€unlich mit dichten weiĂen Fleckenreihen. Diese sogenannten KĂ€lberflecken werden im Verlauf der Sommermonate durch nachwachsende Haare ĂŒberdeckt.
HĂ€ufig zieht sich ein Aalstrich vom Nacken bis zum Ansatz des Schwanzes. FĂŒr den Rothirsch ist es zudem charakteristisch, dass sich die Hinterseite des Oberschenkels deutlich von der ĂŒbrigen Fellfarbe unterscheidet. Die FĂ€rbung dieses Spiegels ist grauweiĂ bis gelblich-weiĂ. Der Spiegel ist von schwĂ€rzlichen Haaren umrahmt und damit deutlich gegen die ĂŒbrige RĂŒckenpartie abgesetzt. Beim Rothirsch ist der Hodensack hĂ€ufig ebenfalls sehr hell gefĂ€rbt. AngefĂŒhrt vom weiblichen Leittier geht vom Spiegel bei Flucht eine Signalwirkung aus, die das Rudel zusammenhĂ€lt.
Den in West- und Nordeuropa beheimateten mĂ€nnlichen Individuen wĂ€chst vor der Brunft eine HalsmĂ€hne, die am Vorderhals bis zu fĂŒnfzehn Zentimeter lang werden kann. Diese Tiere werden unabhĂ€ngig von ihren Unterarten dem sogenannten elaphoiden Typ zugerechnet. Der in SĂŒdosteuropa beheimatete Rothirsch des maraloiden Typs ist dagegen fast oder völlig mĂ€hnenlos.cite-ref-15[15] MĂ€nnliche Tiere weisen auĂerdem ein dunkles, gekrĂ€useltes oder gewelltes Stirnhaar auf.
Abweichende FellfĂ€rbungen treten auch in freier Wildbahn auf. Die weiĂe Fleckung, wie sie fĂŒr KĂ€lber typisch ist, bleibt gelegentlich deutlich abgeschwĂ€cht bei adulten Individuen erhalten. In einigen Populationen weisen einige der Tiere am Kopf eine weiĂe Blesse auf, oder sie sind an den Fesseln weiĂ gefĂ€rbt.
Auch rein weiĂe Tiere sind in seltenen FĂ€llen in freier Wildbahn zu beobachten. In Wildgehegen und -gattern werden solche Farbmutationen, die auch als Blesswild bezeichnet werden, mitunter gezielt gepflegt. Anders als beim Reh oder Damhirsch, wo Tiere mit einem schwarzen Haarkleid hĂ€ufiger zu beobachten sind, ist Melanismus beim Rothirsch Ă€uĂerst selten.cite-ref-16[16]
Im Reinhardswald im Norden Hessens sind geschĂ€tzt 50 Tiere in der 1000 Individuen zĂ€hlenden Rothirschpopulation weiĂ. Genetische Untersuchungen zeigen, dass in zwei Gebieten 16 bzw. 26 Prozent das âweiĂe Genâ in sich tragen. Nur wenn es beide Eltern tragen, wird das Junge weiĂ, was pro Jahr etwa zweimal vorkommt. Die weiĂen Tiere sind zwar nicht geschĂŒtzt, werden aber aus jĂ€gerischem Aberglaubencite-ref-17[17] heraus nicht geschossen.cite-ref-18[18]
Geweih
Das Geweih wĂ€chst nur den mĂ€nnlichen Tieren und wird je nach Lebensalter jĂ€hrlich etwa im Februar bis April abgeworfen, eine Neubildung setzt kurzzeitig danach wieder ein und ist in circa fĂŒnf Monaten (140 Tagen) abgeschlossen. Der Geweihabwurf erfolgt umso eher, je Ă€lter das Individuum ist. Tiere mit groĂem Geweih bilden innerhalb dieser knapp vier Monate eine Knochensubstanz von vier bis fĂŒnf Kilogramm Gewicht aus.cite-ref-19[19] Im Durchschnitt wird das Geweih 90 bis 105 Zentimeter lang (je Stange) und wiegt 6 bis 6,5 Kilogramm (einschlieĂlich SchĂ€del). AuĂergewöhnlich groĂe Geweihe messen zwischen 130 und 140 Zentimeter und bringen 18 bis 21 Kilogramm auf die Waage.cite-ref-mattioli-2011-2-2[2]
MĂ€nnliche HirschkĂ€lber entwickeln im Winter ihres ersten Lebensjahres den sogenannten Rosenstock, einen kurzen walzenförmigen Stirnbeinfortsatz. Gegen Ende des ersten Lebensjahres ist dieser in Form von zwei kleinen Höckern sichtbar, aus denen sich im Verlauf der Sommermonate erste, noch unverzweigte Geweihstangen, die sogenannten SpieĂe, entwickeln. Diese ragen hĂ€ufig nicht ĂŒber die Ohrenspitze hinaus, sie können aber auch bei besonders guter ErnĂ€hrung eine LĂ€nge von 40 Zentimetern erreichen. Diese SpieĂe werden im FrĂŒhjahr des nĂ€chsten Jahres, wenn das Tier das Ende seines zweiten Lebensjahres erreicht hat, abgeworfen, und es setzt sofort die neue Geweihbildung ein. Je nach Veranlagung und Umweltbedingungen können dem jungen MĂ€nnchen erneut unverzweigte und verhĂ€ltnismĂ€Ăig kleinbleibende SpieĂe oder ein sogenanntes Gabelgeweih wachsen.
Gelegentlich entwickeln sich junge Individuen bereits zu diesem Zeitpunkt zu einem Achtender. Beim Gabelgeweih verzweigen sich die Geweihstangen das erste Mal; es entwickelt sich die sogenannte Augsprosse. Der Geweihaufbau erfolgt grundsĂ€tzlich an den Spitzen der Stangen und den Enden. Unter idealen Bedingungen nehmen tendenziell sowohl die LĂ€nge der Geweihstangen, das Geweihgewicht und die Endenzahl bis etwa zum zwölften Lebensjahr eines Rothirsches zu. Einzelne Individuen weisen selten mehr als 20 Enden am Geweih auf. Es lĂ€sst sich allerdings nicht von der Endenzahl eines Tieres auf sein Lebensalter rĂŒckschlieĂen, da die Geweihentwicklung von weiteren Faktoren bestimmt ist.
Das Geweih ist wĂ€hrend seiner Wachstumsphase mit einer behaarten Haut, der Basthaut, ĂŒberzogen. Basthaut unterscheidet sich von Körperhaut lediglich dadurch, dass ihr SchweiĂdrĂŒsen und aufrichtende Haarmuskeln fehlen.cite-ref-20[20] Dieser Bast ist ebenso wie das noch wachsende Geweih von BlutgefĂ€Ăen durchzogen. Mit fortschreitendem Wachstum verknöchert das Geweih, und schlieĂlich verliert auch die Basthaut die nĂ€hrende Funktion. Bei ausgewachsenen MĂ€nnchen ist das Wachstum des Geweihs in Europa im Juli bis Anfang August abgeschlossen, und die Tiere beginnen, durch Fegen des Geweihs an Zweigen, StrĂ€uchern und trockenen Pflanzenteilen die Basthaut abzustreifen. Die noch durchblutete Basthaut hĂ€ngt zu diesem Zeitpunkt gelegentlich in blutigen Streifen vom Geweih herunter.cite-ref-21[21]
Ein frisch gefegtes Geweih ist durch eine noch helle Farbe gekennzeichnet. Erst in den nÀchsten Wochen verÀndert sich die Geweihfarbe hin zu einem hellbraunen bis schwarzbraunen Ton. Welche Farbe sich entwickelt, hÀngt von den zum Fegen genutzten Pflanzen und ihren unterschiedlich stark fÀrbenden SÀften ab.cite-ref-22[22]
Der Geweihabwurf erfolgt zu einem Zeitpunkt, da der Testosteronspiegel seinen niedrigsten Stand erreicht hat. Vor dem Abwurf wird die Zellschicht zwischen Rosenstock und Geweihstange wieder stark durchblutet. Dadurch lockert sich die Verbindung der Stange mit dem Rosenstock so weit, dass ein AnstoĂen mit dem Geweih, oder bei groĂen Geweihen auch das Eigengewicht der Geweihstangen sie abfallen lĂ€sst.cite-ref-23[23]
Stimme
Der Rothirsch verfĂŒgt ĂŒber eine Reihe verschiedener LautĂ€uĂerungen. Am bekanntesten ist das Röhren der mĂ€nnlichen Tiere in der Brunft, das im Herbst zu hören ist. Auf die Funktion und das Klangbild wird im Kapitel Brunft eingegangen.
Durch Mahnen ruft die Hirschkuh das Kalb. Beim SĂ€ugen lĂ€sst das Kalb sogenannte âBehaglichkeitslauteâ hören â kurze, nasale Laute, die es rhythmisch ausstöĂt. Die Bettellaute, mit denen ein hungriges Kalb nach seiner Mutter ruft, sind gleichfalls nasal. Die Stimmlage fĂ€llt am Ende leicht ab. Bei den sogenannten Verlassenslauten ist der Ruf am Anfang hoch und fĂ€llt dann stark ab. Ein gellend-klagender Ruf ist zu hören, wenn sich die KĂ€lber unmittelbar bedroht fĂŒhlen. Muttertiere sind dabei in der Lage, ihre KĂ€lber an der Stimme zu erkennen.cite-ref-24[24]
Meist nur RothirschkĂŒhe geben kurze bellende Schrecklaute von sich, wenn sie durch VorgĂ€nge beunruhigt werden, deren Ursache sie nicht erkennen können. Sie werden durch heftiges AusstoĂen der Luft erzeugt.cite-ref-25[25]
Sinne
Beim Rothirsch sind alle Sinne sehr gut entwickelt, darunter auch der Geruchssinn. Er zĂ€hlt zu den sogenannten Makrosmatikern, da ein hoher Anteil der Nasenschleimhaut mit einem Riechepithel (Riechschleimhaut) ĂŒberzogen ist. In der Regel bewegt sich der Rothirsch gegen den Wind, wenn er auf seine ĂsungsflĂ€chen zieht. RuheplĂ€tze suchen die Tiere so, dass der Wind dort entweder kreiselt oder vor allem aus Feindrichtung weht.cite-ref-26[26]
Die geruchliche Orientierung zeigt sich auch an anderen Verhaltensmustern: Potentielle Feinde werden vom Rothirsch hĂ€ufig in einem weiten Kreis umgangen, bis der Wind aus deren Richtung weht. Kann ein Rothirsch eine Geruchsquelle noch nicht einordnen, hebt und senkt er mit leicht geöffnetem Maul und sich bewegendem Nasenspiegel den Kopf, um Witterung aufzunehmen.cite-ref-27[27] Menschliche Witterung kann ein Rothirsch bei gĂŒnstigen WindverhĂ€ltnissen auf einige hundert Meter wahrnehmen.
Die seitlich stehenden Augen mit den groĂen ovalen Pupillen erlauben dem Rothirsch, ohne Kopfdrehung einen weiten Umkreis zu ĂŒberblicken. Er reagiert dabei besonders auf Bewegungen. Das Erkennungsvermögen fĂŒr unbewegte GegenstĂ€nde ist dagegen nicht sehr hoch entwickelt.cite-ref-28[28] Die stark erweiterungsfĂ€higen Pupillen ermöglichen, auch wĂ€hrend der DĂ€mmerung gut zu sehen.
Der Rothirsch ist in der Lage, seine Ohren unabhĂ€ngig voneinander zu bewegen. Er kann daher die Richtung, aus der GerĂ€usche kommen, sehr genau orten. Die Tiere lernen auch, sich an bestimmte GerĂ€usche zu gewöhnen und sie als ungefĂ€hrlich einzuordnen, so dass ein FlĂŒchten ĂŒber lĂ€ngere Distanzen unterbleibt. Dazu zĂ€hlen beispielsweise die GerĂ€usche der MotorsĂ€gen von Waldarbeitern oder redende Wanderer, die auf den Wegen verbleiben. Beim sogenannten âSichernâ spielen die drei Sinne zusammen, und der Rothirsch ĂŒberprĂŒft mit Nase, Augen und Ohren, ob fĂŒr ihn Gefahren lauern. Dabei nimmt er eine gespannte Körperhaltung ein, bei der der Hals aufgerichtet und die Ohren steil gespitzt sind. Die Augen sind weit geöffnet. Die Erregung des Tieres drĂŒckt sich auch in einer stechschrittartigen und schnellen Fortbewegung aus. Verharrende Individuen winkeln hĂ€ufig einen der VorderlĂ€ufe an. Die gespannte Körperhaltung erlaubt dem Tier ein schnelles Herumwerfen und FlĂŒchten, sobald es etwas als potentiell bedrohlich identifiziert hat.
Verbreitung
Lebensraum
Der Rothirsch bevorzugt LebensrĂ€ume mit einer engen Verzahnung aus strukturreichen WĂ€ldern, Dickungen und groĂen offenen Lichtungen. Er kann aber auch in urwaldartig geschlossenen und nahrungsarmen Waldgebieten oder nahezu baumfreier Landschaft wie etwa in Schottland gut ĂŒberleben. Da der Rothirsch sowohl in den kalten Hochlagen der Alpen, in den feuchten Flussauen SĂŒdosteuropas und in den heiĂen und trockenen Tiefebenen Spaniens vorkommt, kann er, was seine LebensraumansprĂŒche betrifft, als anpassungsfĂ€hige Art gelten. Dies belegt auch die erfolgreiche Ansiedelung als Neozoon in LĂ€ndern wie Chile, Argentinien sowie Neuseeland.
In Mitteleuropa ist die freie Lebensraumwahl des Rothirsches auf Grund der dichten Besiedelung durch den Menschen stark eingeschrĂ€nkt. Da der Rothirsch den Menschen meidet, ist er ĂŒberwiegend in Waldbiotopen zu finden und konzentriert sich dort auf die Bereiche, in denen er dem Kontakt mit Menschen am geringsten ausgesetzt ist. So ist er insbesondere auch in militĂ€rischen Ăbungsgebieten zu finden. In Deutschland wird auĂerdem jagdrechtlich zwischen Rothirschgebieten und rothirschfreien Gebieten unterschieden. In Letzteren ist es gesetzlich untersagt, die Art zu hegen. Bekannten, alten Fernwechseln des Rothirsches zwischen den einzelnen genutzten Habitaten wird kein besonderer Schutz zuteil. Aus biologischer Sicht handelt es sich bei den heutigen mitteleuropĂ€ischen Rothirschgebieten um inselartige RĂŒckzugsrĂ€ume. Der fĂŒr die genetische Vielfalt der Rothirschpopulation notwendige Austausch zwischen den verschiedenen Vorkommen ist sowohl von gesetzlicher wie raumordnerischer Seite nicht gewĂ€hrleistet. Es unterbleiben auch die Wanderungen zwischen Winter- und SommereinstĂ€nden, die ursprĂŒnglich fĂŒr diese Hirschart charakteristisch waren und fĂŒr ihren Nahrungserwerb eine hohe Rolle spielten.cite-ref-29[29] Dies kann in einzelnen Revieren zu einer punktuell hohen Wilddichte mit einer entsprechenden WaldschĂ€digung fĂŒhren. Auf diese WaldschĂ€den wird im Kapitel Rothirsch und Mensch nĂ€her eingegangen.
NatĂŒrliches Verbreitungsgebiet
Das Verbreitungsgebiet des Rothirsches umfasst Europa, Westasien und Nordafrika. Zu den rothirschreichen LĂ€ndern Europas zĂ€hlen GroĂbritannien mit einem Verbreitungsschwerpunkt in England und Schottland, die Bundesrepublik Deutschland, Ăsterreich und Spanien. In Ăsterreich hat er sein Siedlungsareal in den letzten Jahrzehnten ausgedehnt. In der Schweiz war der Rothirsch um 1850 ausgerottet. Ăber AlpenpĂ€sse wie die Kleine Furka, das Schweizertor und die Schesaplana wanderten in den folgenden Jahrzehnten wieder Rothirsche ein. Um 1925 hatte sich der Bestand bereits soweit erholt, dass die Tiere in GraubĂŒnden als Plage angesehen wurden.cite-ref-30[30] In Deutschland lebten nach Angaben der Deutschen Wildtier Stiftung 2017 rund 220.000 Rothirsche.cite-ref-31[31]
Hohe BestĂ€nde weisen auĂerdem Polen, Tschechien, die Slowakei, Serbien, Ungarn, Kroatien, Bosnien und RumĂ€nien auf. Frankreich, Italien, Griechenland, Belgien, Irland, die Niederlande sowie DĂ€nemark, Norwegen und Schweden haben nur geringe BestĂ€nde. Die BestĂ€nde auf Korsika und Sardinien gelten als bedroht.
In Osteuropa ist das Verbreitungsgebiet des Rothirsches noch weitgehend zusammenhĂ€ngend. FĂŒr Westeuropa ist eine stark fragmentierte Verbreitung mit zum Teil sehr kleinen Vorkommen charakteristisch. Die deutschen Verbreitungsschwerpunkte sind die Mittelgebirge sowie die Alpen und das Alpenvorland. GröĂere Verkehrswege sowie stark besiedelte Gebiete verhindern teilweise einen genetischen Austausch zwischen den einzelnen Verbreitungsgebieten.cite-ref-32[32]
Vorkommen in Deutschland
In Deutschland besteht in landesrechtlich festgelegten Rotwildbezirken eine Jagd- und Schonzeitregelung.cite-ref-33[33] Je nach Bundesland besteht wĂ€hrend der Jagdzeit fĂŒr den Rothirsch auĂerhalb von diesen festgelegten Rotwildbezirken ein Abschussgebot.cite-ref-34[34] In Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt wurden die Rotwildbezirke abgeschafft.cite-ref-35[35]
Rothirsch als eingefĂŒhrte Tierart
Der Rothirsch wurde in einige Gebiete als Neozoon eingefĂŒhrt, darunter Australien, Argentinien, Chile, USA, Kanada und Neuseeland. Die Erfahrungen damit sind sehr unterschiedlich.
Jagdbegeisterte Farmer importierten im Jahre 1904 den Rothirsch aus den Karpaten und den österreichischen Alpen zunĂ€chst nach Argentinien, um ihn auf ihren weitlĂ€ufigen Farmen als Jagdwild zu etablieren. Von diesen Importen stammen im Wesentlichen auch die BestĂ€nde in Chile ab. Ausgehend von diesen Farmen hat sich der Rothirsch in Chile und Argentinien als freilebende Wildart etabliert. Der Bestand in Chile betrug Ende der 1980er Jahre 4200 Tiere auf einer FlĂ€che von etwa 340.000 Hektar.cite-ref-36[36] Legal dĂŒrfen diese Tiere auf dem GelĂ€nde ausgewiesener Jagdfarmen gejagt werden. Daneben werden sie in groĂer Zahl gewildert. Von negativen Auswirkungen auf die Artenvielfalt in Chile und Argentinien wird wegen der generell geringen Individuenzahl und der geringen Bestandsdichte nicht ausgegangen.
In Australien wurde durch Akklimatisationsgesellschaften bereits im 19. Jahrhundert der Rothirsch neben anderen Hirscharten eingefĂŒhrt. Die klimatischen Bedingungen Australiens haben aber verhindert, dass es bei dieser Art zu einem vergleichbar starken Populationsanstieg wie etwa beim WasserbĂŒffel kam. Der Rothirsch kommt in kleinen, isolierten Populationen vor, ohne gravierende Auswirkungen auf die Fauna Australiens zu haben. FĂŒr einzelne Nationalparks wird lediglich wegen der Nahrungskonkurrenz eine negative Korrelation zwischen dem Vorkommen des Rothirsches und KĂ€ngurus vermutet.cite-ref-37[37]
Anders ist die Situation in Neuseeland, wo die klimatischen Bedingungen die Ausbreitung des Rothirsches auf beiden neuseelĂ€ndischen Inseln begĂŒnstigte. Die erste erfolgreiche EinfĂŒhrung in Neuseeland fand 1854 auf der SĂŒdinsel statt, die meisten Auswilderungen von aus Europa eingefĂŒhrten Tieren erfolgte zwischen 1890 und 1910, die letzte fand 1926 auf der Nordinsel statt.cite-ref-38[38] Der Rothirsch hat direkt und indirekt negative Auswirkungen auf die neuseelĂ€ndische Natur: Durch sein FreĂverhalten trĂ€gt er zur Erosion von HĂ€ngen bei,cite-ref-39[39] verĂ€ndert nachhaltig die Pflanzenstruktur und fördert die Ausbreitung eingefĂŒhrter Pflanzenarten wie Disteln, Greiskraut und Clematis-Arten.cite-ref-40[40] Die SchĂ€den, die die Tiere in Neuseeland anrichteten, wurden sehr frĂŒh erkannt: Bereits in den 1930er Jahren versuchte die neuseelĂ€ndische Regierung durch Keulen den Rothirschbestand zu senken.cite-ref-41[41] Zu einer nachhaltigen Reduktion der Bestandsdichte kam es erst ab den 1960er Jahren, als zunehmend Vermarktungsmöglichkeiten fĂŒr neuseelĂ€ndisches Wildbret entwickelt wurden und gleichzeitig durch den Einsatz von Hubschraubern ein Abschuss in bis dahin unzugĂ€nglichen, aber rothirschreichen Regionen möglich wurde.cite-ref-42[42] Die ErschlieĂung von AbsatzmĂ€rkten in Europa und Asien fĂŒhrte auf Neuseeland ab 1970 zur Etablierung von Hirschfarmen, wo der Rothirsch nutztierartig gehalten wird.cite-ref-43[43]
Der Rothirsch wird zu den 100 gefÀhrlichsten Neobiota weltweit gezÀhlt.
Lebensweise
Nahrung
Der Rothirsch wird nach seinem Nahrungsverhalten als IntermediĂ€rtyp eingestuft. Er nimmt damit eine Zwischenstellung ein zwischen Tieren, die ausschlieĂlich Raufutter verwerten, und solchen, die Selektierer sind. Zu letzterem Typus gehört beispielsweise das Reh, das auf hochwertige Nahrung angewiesen ist. TĂ€glich nimmt der Rothirsch zwischen acht und zwanzig Kilogramm GrĂŒnfutter zu sich. Die hohe Schwankung ergibt sich durch die unterschiedliche QualitĂ€t der gefressenen Nahrungspflanzen sowie dem jahreszeitlich schwankenden Nahrungsbedarf. Tragende oder sĂ€ugende Weibchen sowie MĂ€nnchen, deren Geweih heranwĂ€chst, haben einen besonders hohen Nahrungsbedarf.
Der im VerhĂ€ltnis zur KörpergröĂe relativ groĂe Pansen mit einem Fassungsvermögen bis zu 25 Litercite-ref-44[44] ermöglicht dem Rothirsch, auch zellulosereiche und nĂ€hrstoffarme Nahrung wie Baumrinde und Gras zu verdauen. Gras, KrĂ€uter, FeldfrĂŒchte aller Art wie RĂŒben und Kartoffeln, die mit den VorderlĂ€ufen ausgegraben werden, Eicheln, Bucheckern, Kastanien, Obst, verschiedene Pilze, Baumrinde, Moos, Flechten, HeidekrĂ€uter, Knospen und junge Zweige von BĂ€umen und StrĂ€uchern gehören gleichfalls zu seinem Nahrungsspektrum. Einzelne Untersuchungen in Europa haben gezeigt, dass von im Untersuchungsgebiet vorkommenden Pflanzenarten ĂŒber 90 Prozent als Nahrungspflanzen genutzt werden. Gemieden werden lediglich einige SauergrĂ€ser, Moose sowie Roter Fingerhut, Schwarze Königskerze, Wilde Karde und Acker-Kratzdistel.cite-ref-45[45]
Die Anwesenheit des Rothirsches in einem Gebiet hat Auswirkungen auf die HĂ€ufigkeit von Pflanzenarten. Bei Vergleichen zwischen fĂŒr die Tiere unzugĂ€nglichen FlĂ€chen mit angrenzenden FlĂ€chen, auf denen sie fressen konnten, wurden fĂŒr letztere ein völliges Verschwinden von Arten wie der Gemeinen Esche, Feldahorn, Mehlbeere und Salweide festgestellt, die auf den benachbarten, geschĂŒtzten FlĂ€chen dagegen gut gediehen. Auf diesen eingegatterten FlĂ€chen fanden sich auch Arten wie Vogelwicke, Wald-Sternmiere und Ohrweide sehr viel hĂ€ufiger. Der Rothirsch zeigt damit eine typische NahrungsprĂ€ferenz, dass sich so aus der VerdrĂ€ngung von bestimmten Pflanzen auf die Dichte der Rothirschpopulation rĂŒckschlieĂen lĂ€sst.cite-ref-46[46]
Nahrungserwerb
AuĂerhalb der Brunftzeit dominiert das Fressverhalten den Tagesrhythmus des Rothirsches. In Revieren ohne Ă€uĂere Störungen wechseln sich Fresszeiten verhĂ€ltnismĂ€Ăig gleichmĂ€Ăig mit Ruheperioden ab, in denen die WiederkĂ€uer dösen und die aufgenommenen Pflanzen verwerten. Die erste Fressperiode liegt in den frĂŒhen Morgenstunden, die letzte etwa um Mitternacht. Mit Fressen verbringen die Tiere insgesamt etwa sieben bis zehn Stunden am Tag und mit WiederkĂ€uen etwa fĂŒnf bis sechs Stunden.cite-ref-47[47] In Revieren, in denen es hĂ€ufig zu Störungen durch den Menschen kommt, ist der Rothirsch dagegen ĂŒberwiegend in der DĂ€mmerung und Nacht auf offenen ĂsungsflĂ€chen zu finden.cite-ref-48[48]
Beim Fressen zerkaut der Rothirsch seine Nahrung zunĂ€chst nur sehr oberflĂ€chlich. Als WiederkĂ€uer wĂŒrgt er den im Pansen befindlichen Nahrungsbrei wieder hoch, kaut ihn erneut und schluckt ihn wieder hinunter. Dieser Vorgang kann sich mehrfach wiederholen, bis die Nahrung ausreichend zerkleinert ist. Nahrung, die bereits hinreichend zerkleinert ist, gelangt durch eine Schlundrinne zunĂ€chst in den BlĂ€ttermagen, von wo aus der angedaute Nahrungsbrei in den Labmagen gelangt, wo die eigentliche Verdauung stattfindet.cite-ref-49[49]
Der Kot des Rothirsches besteht ausschlieĂlich aus den unverdauten RĂŒckstĂ€nden pflanzlicher Nahrung und ist dementsprechend faserig. Er ist fest und eher kleindimensioniert und findet sich oft in der NĂ€he von FutterplĂ€tzen und im Bereich von Lichtungen.
Sozialstruktur
Der Rothirsch ist grundsĂ€tzlich ein soziales Tier, das sich in Trupps oder Rudeln zusammenschlieĂt. Der Wildbiologe Wilfried BĂŒtzler bezeichnet das Zusammensein des Rothirsches mit seinen Artgenossen als das dominierende Element seiner Existenz.cite-ref-50[50] Die einzelnen Rudel sind dabei standorttreu. Lediglich starke Beunruhigung fĂŒhrt dazu, dass Rudel ihr Gebiet verlassen. Die GröĂe der einzelnen Rudel ist grundsĂ€tzlich abhĂ€ngig vom Lebensraum. In Regionen mit einem hohen Anteil an FreiflĂ€chen oder sogar völlig offenen Landschaften sind die Rudel in der Regel gröĂer als in reinen Waldbiotopen. Auch in Europa kommen Rotwildrudel vor, die 200 Tiere umfassen. Die nah verwandten Wapitis in Nordamerika bilden sogar Rudel mit mehr als 1000 Tieren.cite-ref-51[51]
Ausgewachsene Tiere leben von der Brunftzeit abgesehen in jeweils nach Geschlechtern getrennten Rudeln. Lediglich sehr alte Individuen leben ausnahmsweise auch einzelgÀngerisch.
Weibliche Tiere im Rudel
Die Rudel weiblicher Tiere mit ihren Jungen werden jagdlich Kahlwildrudel genannt. Sie setzen sich in der Regel aus mehreren Mutterfamilien zusammen, die jeweils aus einem Alttier, einem JĂ€hrling und einem Kalb bestehen. Kurz vor der Niederkunft mit dem neuen Kalb sondern sich die Muttertiere vom Rudel ab und vertreiben dann auch die ihnen folgenden JĂ€hrlinge. In der Regel schlieĂen sich JĂ€hrlinge nach der Niederkunft wieder dem Muttertier an. Bei mĂ€nnlichen JĂ€hrlingen endet die Mutterbindung wĂ€hrend des zweiten Lebensjahrs. Sie schlieĂen sich einem Rudel aus mĂ€nnlichen Tiere an.cite-ref-52[52] Der Zeitpunkt, ab dem die Mutterbindung weiblicher JĂ€hrlinge endet, ist weniger eindeutig. Die enge Bindung an das Muttertier endet beim Jungtier wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt, zu dem es selbst erstmals ein Kalb wirft. HĂ€ufig verbleiben die weiblichen Nachkommen aber im weiteren Einstandsrevier ihrer mĂŒtterlichen Verwandtschaftslinie und bleiben mitunter sogar im selben Rudel zusammen.cite-ref-53[53]
Verglichen mit den Rudeln mĂ€nnlicher Tiere ist die Zusammensetzung eines Mutterrudels verhĂ€ltnismĂ€Ăig stabil. Kennzeichnend fĂŒr sie ist, dass sie einem Leittier folgen, das beim Ziehen die Richtung wĂ€hlt und dem sich die anderen anschlieĂen. Es handelt sich dabei um eine sogenannte passive FĂŒhrerschaft, das heiĂt die Mehrzahl der Tiere folgt freiwillig den Handlungen eines Einzeltiers. Abgesehen vom eigenen Kalb ist es fĂŒr dieses Einzeltier nicht maĂgeblich, ob ihm die anderen Mitglieder des Rudels folgen. Die Leittierrolle fĂ€llt deshalb dem Alttier zu, das besonders aufmerksam und misstrauisch ist und am schnellsten auf Gefahren reagiert.cite-ref-54[54] Seine Warn- und Schreckrufe sind vom FĂŒrsorgetrieb fĂŒr das Kalb motiviert und richten sich nur an den eigenen Nachwuchs. Durch StimmungsĂŒbertragung folgt der Rest des Rudels aber den Handlungen dieses Alttiers. Leittierrollen werden entsprechend auch nur von RothirschmĂŒttern wahrgenommen, die KĂ€lber fĂŒhren.cite-ref-55[55]
MĂ€nnliche Tiere im Rudel
Die mĂ€nnlichen Tiere schlieĂen sich ebenfalls zu Rudeln zusammen, die jagdlich als Hirschrudel bezeichnet werden. Entsprechend dem Altersaufbau der Rothirschpopulation ĂŒberwiegt in diesen Rudeln der Anteil junger bis mittelalter Tiere. MĂ€nnliche Individuen, die ĂŒber 10 Jahre alt sind, leben gelegentlich einzelgĂ€ngerisch oder nur von einem weiteren, etwas jĂŒngeren Tier als Beihirsch begleitet.
Die Rudel mĂ€nnlicher Tiere sind in ihrer Zusammensetzung instabiler als entsprechend die Rudel weiblicher Tiere. In der Regel wandern mit Beginn der Brunft die Ă€lter als fĂŒnfjĂ€hrigen und damit fortpflanzungsfĂ€higen mĂ€nnlichen Tiere zu den BrunftplĂ€tzen ab. GröĂere Rudel aus mĂ€nnlichen Individuen, in denen auch die Brunfthirsche versammelt sind, bilden sich erst mit Winterbeginn erneut. Durch Droh- und Imponierduelle sowie in kĂ€mpferischen Auseinandersetzungen wird die soziale Rangordnung innerhalb dieser Rudel ermittelt. Ein individueller mĂ€nnlicher Rothirsch âweiĂâ dabei jeweils, welches die ihm ĂŒberlegenen und welches die ihm unterlegenen Tiere sind. Obwohl damit eine deutliche, soziale Rangordnung besteht, gibt es keinen RudelfĂŒhrer, der dem Leittier der Rudel der Weibchen entspricht.cite-ref-56[56] Die soziale Rangordnung innerhalb eines Rudels kann sich bis zum nĂ€chsten Brunftbeginn mehrmals Ă€ndern. Der Geweihabwurf, der bei den Ă€lteren mĂ€nnlichen Individuen zuerst einsetzt, geht normalerweise mit einem Rangverlust einher. Wenn auch die jĂŒngeren MĂ€nnchen ihre Geweihe verloren haben, kommt es erneut zu RangordnungskĂ€mpfen, die diesmal mit den VorderlĂ€ufen ausgetragen werden. Dabei richten sich die Tiere auf den Hinterbeinen auf. WĂ€hrend der Zeit, in der die mĂ€nnlichen Tiere ihr ausgewachsenes Geweih durch Fegen von der Basthaut befreien, kommt es meist erneut zu kĂ€mpferischen Auseinandersetzungen, bei denen diesmal die Geweihe eingesetzt werden.
Fortpflanzung
Platzhirsch
Die Paarungszeit beginnt in Mitteleuropa Anfang September und dauert fĂŒnf bis sechs Wochen. Im Alpenhochland sowie in Schottland setzt die Brunft dagegen erst im Oktober ein.cite-ref-57[57] Schon gegen Ende August trennen sich die Ă€lteren mĂ€nnlichen Rothirsche von den Rudeln und suchen die Gruppen der weiblichen Tiere auf. Ausschlaggebend dafĂŒr ist der Hormonzyklus, der Ă€ltere Individuen zuerst brunftbereit werden lĂ€sst. Auf der Wanderung zu den Brunftterritorien legen die Tiere mitunter gröĂere Strecken zurĂŒck. Belegt ist die Wanderung eines MĂ€nnchens ĂŒber eine Strecke von 120 Kilometern.cite-ref-58[58] Das Brunftterritorium (auch Brunftplatz genannt) ist meist eine bevorzugte ebene Ăsungsstelle des Weibchenrudels wie etwa eine Waldlichtung.
Zum Beginn der Paarungszeit können sich im Umfeld einer Gruppe weiblicher Rothirsche mehrere mĂ€nnliche Tiere aufhalten. Nach Drohen und ersten KĂ€mpfen verbleibt schlieĂlich nur das stĂ€rkste MĂ€nnchen bei diesem Rudel. Er wird jagdlich als Platzhirsch bezeichnet, wĂ€hrend die sich in weiterer Entfernung aufhaltenden mĂ€nnlichen Individuen jagdlich Beihirsche genannt werden.
Kennzeichnend fĂŒr den Platzhirsch ist, dass er weibliche Tiere, die sich vom Rudel entfernen, hĂ€ufig wieder zurĂŒcktreibt. Dazu ĂŒberholt er das sich entfernende Tier und schreitet in einer Imponierhaltung vor ihm her. Charakteristisch fĂŒr diese Imponierhaltung ist ein wiegender Stechschritt und ein hoch erhobener Kopf mit nach oben gerichtetem Maul. Dieses Verhalten wird auch als Eckzahndrohen bezeichnet. Es findet sich auch bei Hirscharten wie Muntjak und Wasserreh, die noch vergröĂert ausgebildete EckzĂ€hne aufweisen. Beim Rothirsch haben sich die oberen EckzĂ€hne zwar zurĂŒckentwickelt, das Verhalten ist jedoch erhalten geblieben.cite-ref-59[59] Das Geweih dagegen wird gegenĂŒber den weiblichen Tieren nur drohend eingesetzt. GrundsĂ€tzlich ĂŒbernimmt der Platzhirsch jedoch keine FĂŒhrungsrolle im Brunftrudel. Er hĂ€lt sich lediglich im Umfeld eines Weibchenrudels auf, das nach wie vor seinem Leittier folgt.cite-ref-60[60]
Zu den typischen Verhaltensmerkmalen des Platzhirsches gehört auĂerdem das olfaktorische Markieren des Paarungsterritoriums durch Urin und DrĂŒsensekrete. Der Urin des MĂ€nnchens enthĂ€lt das Geschlechtspheromon Androsteron, das so intensiv riecht, dass es auf dem Höhepunkt der Brunft auch vom Menschen wahrgenommen werden kann. Scharren, das kampfĂ€hnliche Aufstochern oder Forkeln des Bodens mit dem Geweih, Urinieren in die Suhle und anschlieĂend ausgedehntes WĂ€lzen darin gehören ebenfalls zu den typischen Verhaltensweisen des Platzhirsches.
Paarung
BrĂŒnftigen weiblichen Tieren folgt das MĂ€nnchen mit vorgestrecktem Kopf. Nur wenn das weibliche Tier paarungsbereit ist, bleibt es mit etwas gekrĂŒmmtem RĂŒcken, eingewinkelten HinterlĂ€ufen und gesenktem Haupt stehen. Der mĂ€nnliche Rothirsch beleckt zuerst die Region um die Vulva und reitet dann auf. Dabei werden die VorderlĂ€ufe fest um den Rumpf des weiblichen Tieres geklammert und im Moment des Samenergusses stöĂt sich das MĂ€nnchen mit den HinterlĂ€ufen vom Boden ab. Kommt es nicht zur Befruchtung, ovulieren die weiblichen Tiere bis maximal sechs Mal wĂ€hrend der Paarungszeit. Der Abstand betrĂ€gt etwa jeweils 18 Tage.cite-ref-61[61]
Von einer gekrĂŒmmten Körperhaltung geht grundsĂ€tzlich eine sehr starke Signalwirkung aus. Sie wird grundsĂ€tzlich als Paarungsaufforderung verstanden. MĂ€nnliche Rothirsche reiten deshalb auch auf Geschlechtsgenossen auf, wenn diese beispielsweise aufgrund einer Verletzung eine solche Haltung einnehmen.cite-ref-62[62]
PaarungskÀmpfe
Platzhirsche sind hÀufig bereits aufgrund ihres Imponiergehabes in der Lage, einen Rivalen von den Rudeln weiblicher Tiere fernzuhalten. Dazu trÀgt bei, dass aufgrund des Hormonzyklus zuerst die Àlteren und damit körperlich am weitesten entwickelten mÀnnlichen Rothirsche in die Brunft geraten und sich bei den Weibchen einfinden.cite-ref-63[63]
BrunftkĂ€mpfe werden normalerweise durch Rufduelle eingeleitet. Sie steigern sich gewöhnlich in LautstĂ€rke und Schnelligkeit, wĂ€hrend die MĂ€nnchen aufeinanderzuschreiten. Befinden sie sich in Sichtweite zueinander, ist die Bewegung hĂ€ufig sehr langsam und die Körperhaltung angespannt. Jetzt kann eine Phase des Parallelgehens beginnen, bei der die Rivalen mit fĂŒnf bis zehn Meter Abstand Seite an Seite einher stolzieren, so dass sie sich gegenseitig die Breitseite zeigen. Kann durch dieses gegenseitige Imponieren keiner der Kontrahenten den anderen vertreiben, werfen sie sich gleichzeitig herum und verhaken die Geweihe ineinander. Wilfried BĂŒtzler, der zahlreiche Zeitlupenstudien von KĂ€mpfen ausgewertet hat, bezeichnet diese kampfeinleitenden Verhaltensweisen als eine stark ritualisierte Sequenz, bei der die Tiere sich gegenseitig auf die eigentliche Kampfhandlung einstimmen. Als Beleg dafĂŒr nennt er auch, dass es nur dann zum Kampf kommt, wenn beide Tiere sich durch eine schnelle Vierteldrehung so in Stellung bringen, dass die beiden Geweihe frontal aufeinander treffen. Zeigt nur eines der Tiere diese Intentionsbewegung, unterbleibt der Kampf. Angriffe auf die Flanken des Gegners erfolgen nicht, es handelt sich um einen Kommentkampf mit festgelegten Regeln, nicht um einen BeschĂ€digungskampf.cite-ref-64[64] Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass sich die Tiere durch Stiche verletzen oder sogar töten.cite-ref-65[65]
Die eigentliche Kampfhandlung ist ĂŒberwiegend ein frontaler Schiebekampf, bei dem die beiden Beteiligten sich zunĂ€chst gegeneinander anstemmen und dann wechselseitig mit ineinander verhaktem Geweih ĂŒber den Kampfplatz schieben. Der jeweils SchwĂ€chere lĂ€uft dabei rĂŒckwĂ€rts und versucht, sich so in den Boden zu stemmen, dass er seinem Gegner Einhalt gebieten kann. Ist die Kampfkraft der beiden Tiere nahezu ausgewogen, kommt es gelegentlich zu einem kreisförmigen Drehen der beiden Tiere umeinander. Auch kurze Kampfunterbrechungen kommen vor, bei denen die Kontrahenten die Geweihe voneinander lösen, breitseitig imponieren und rufen.
Der Kampf wird vom unterlegenen Tier beendet. In einem Moment, in dem der gegnerische Kampfdruck etwas nachlĂ€sst, löst sich der Unterlegene vom Rivalen, indem er sich um 180 Grad herumwirft und flĂŒchtet. Das andere MĂ€nnchen reagiert darauf reflexartig mit dem von JĂ€gern sogenannten Sprengruf, bei dem der Kopf ruckartig nach oben geworfen wird. Dies verhindert in der Regel ein NachstoĂen mit dem Geweih nach dem fliehenden Hirsch.
Brunftrufe
Vom Platzhirsch ist das brunfttypische Röhren besonders hĂ€ufig zu hören. Bei den Brunftrufen handelt es sich um eine Serie von drei bis acht Einzelrufen, wobei der erste Ton am lautesten und am lĂ€ngsten ausgedehnt ist. Diese Rufe stehen meist in einem engen Zusammenhang mit Brunfthandlungen, wie Paarung oder dem ZurĂŒcktreiben eines weiblichen Tieres ins Rudel. Weitere typische Auslöser dieses Brunftschreies sind der Anblick eines Rivalen, der vernommene Brunftruf eines anderen Geschlechtsgenossen oder kĂ€mpferische Handlungen, wobei es sich dabei auch um kampfĂ€hnliche Verhaltensweisen wie das Bodenforkeln mit dem Geweih handeln kann.cite-ref-66[66]
Die Rufe der einzelnen MÀnnchen sind in Stimmhöhe und StimmfÀrbung so charakteristisch, dass an ihnen die einzelnen Tiere unterschieden werden können.cite-ref-67[67]
Verletzungen und TodesfÀlle durch BrunftkÀmpfe
Auch wenn es sich bei den BrunftkĂ€mpfen um KommentkĂ€mpfe handelt, kommt es bei einer geringen Zahl der Auseinandersetzungen zum Tod von mindestens einem der beteiligten Tiere. FĂŒr die bundesdeutschen Rothirschpopulationen wird unterstellt, dass jĂ€hrlich fĂŒnf Prozent der MĂ€nnchen bei KĂ€mpfen zu Tode kommen.cite-ref-68[68] Nur in sehr seltenen AusnahmefĂ€llen ist der Tod der Tiere dadurch bedingt, dass sie die ineinander verhakten Geweihe nicht mehr voneinander lösen können. Ein GroĂteil der mĂ€nnlichen Individuen weist allerdings nach der Brunftzeit Verletzungen auf.cite-ref-69[69]
Typische Verletzungen sind abgebrochene Geweihstangen, Lahmen und Augenverletzungen durch die Geweihstangen des gegnerischen Tieres. Auch unverletzte MĂ€nnchen verlieren wĂ€hrend der Brunft erheblich an Gewicht, da sie in diesen Wochen eine deutlich verringerte Zeit mit Fressen verbringen. Nach Brunftende, wenn die mĂ€nnlichen Individuen in ihre angestammten EinstĂ€nde zurĂŒckgekehrt sind, versuchen sie durch vermehrtes Fressen das verlorene Gewicht wieder aufzuholen. Setzt der Winter frĂŒhzeitig mit hohen SchneefĂ€llen ein, erhöht ihre schlechte körperliche Verfassung die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Winter nicht ĂŒberstehen.
KĂ€lber
Die Tragzeit befruchteter weiblicher Tiere betrĂ€gt etwa 230 Tage. Sie werden in Europa von Mitte Mai bis Anfang Juni geboren. In der Regel kommt nur ein Kalb zur Welt. Zwillinge sind sehr selten. Zur Geburt ziehen sich die Muttertiere zurĂŒck. Der Nachwuchs aus dem Vorjahr wurde schon vorher aggressiv vertrieben. Das Geburtsgewicht von KĂ€lbern schwankt stark und kann zwischen knapp sechs und 14 Kilogramm betragen. Die neugeborenen KĂ€lber eines einzelnen Weibchens weisen Gewichte von 5,5 bis 13,7 Kilogramm auf. Tendenziell sind KĂ€lber umso schwerer, je Ă€lter das Muttertier ist.cite-ref-70[70] Die Jungtiere können wenige Stunden nach der Geburt bereits stehen und der Mutter auch folgen. Sie weisen eine typische Jugendfleckung auf, bei der sich weiĂe Flecken vom ansonsten rötlich-braunen Haarkleid abheben. Diese Fleckung wirkt tarnend, da sich ruhig liegende KĂ€lber optisch gegenĂŒber ihrer Umgebung auflösen (sogenannte Somatolyse). Zu den angeborenen Verhaltensweisen der jungen KĂ€lber zĂ€hlt, dass sie nach dem SĂ€ugen der Mutter nicht folgen, sondern regungslos, in zusammengerollter Haltung auf dem Erdboden verharren. Der VoraugendrĂŒse kommt wegen ihrer Duftabsonderung bereits in den ersten Tagen eine wichtige Funktion in der Beziehung zwischen Kalb und Mutter zu. Sie dient dem individuellen Erkennen des Kalbes durch die Mutter. Auch zu der Bettelhaltung, mit der das Kalb sich der Mutter nĂ€hert, wenn es saugen möchte, gehören geöffnete VoraugendrĂŒsen als wesentliches Signal. Mit zunehmender SĂ€ttigung schlieĂen sich dann diese VoraugendrĂŒsen.cite-ref-71[71]
Die Mutter entfernt sich vom abgelegten Kalb stets in Windrichtung. Verliert sie die Witterung ihres Kalbes oder gibt dieses klagende Laute von sich, kehrt sie umgehend zum Jungtier zurĂŒck.cite-ref-72[72] Durch die zusammengerollte Haltung des Kalbes ist der Bauch und die Analgegend bedeckt. Dies bewirkt, dass Fressfeinde auch in gröĂerer NĂ€he die Jungtiere nicht riechen.cite-ref-73[73] Erst wenn das Kalb einige Tage alt ist und dem Muttertier problemlos folgen kann, schlieĂt sich die Mutter wieder dem Weibchenrudel an. Die weiĂe Fleckung des Kalbes beginnt ab der sechsten Woche durch braunes, nachwachsendes Sommerhaar zunehmend verdeckt zu werden. GesĂ€ugt wird das Kalb mindestens ĂŒber einen Zeitraum von einem halben Jahr. Wird die Mutter im Herbst nicht erneut trĂ€chtig, sĂ€ugt sie ihre KĂ€lber bis weit in den nĂ€chsten Sommer.cite-ref-74[74]
Die Körperentwicklung des mĂ€nnlichen Rothirsches ist etwa im siebten oder achten Lebensjahr abgeschlossen. Ab ihrem sechsten Lebensjahr beteiligen sie sich an der Brunft. Weibchen schlieĂen die körperliche Entwicklung etwa im 5. Lebensjahr ab.cite-ref-75[75]
Krankheiten, Fressfeinde und Lebenserwartung
NatĂŒrliche Fressfeinde des Rothirsches sind vor allem groĂe Raubtiere. Von besonderer Bedeutung sind Wölfe, die den Rothirsch im Verband hetzen und auch adulte Tiere schlagen können. Der Luchs als EinzeljĂ€ger ist im Allgemeinen nur in der Lage, einen jungen oder erkrankten Rothirsch zu schlagen.cite-ref-76[76] BĂ€ren treten dagegen nur selten als Fressfeinde auf. Junge KĂ€lber fallen dem Uhu oder dem Steinadler zum Opfer. Der Rothirsch vermag sich durch VorderlaufschlĂ€ge oder mit dem Geweih der Angriffe seines Fressfeindes zu erwehren. Muttertiere verteidigen ihre jungen KĂ€lber energisch und zeigen aggressives Verhalten dabei gelegentlich auch gegenĂŒber Menschen, die sich einem im Unterholz versteckt liegenden Kalb nĂ€hern.cite-ref-77[77]
In Mitteleuropa fehlen die groĂen Raubtiere, die als Fressfeinde den Bestand des Rothirsches beeinflussen. Hier hat ĂŒberwiegend die Jagd Auswirkung auf die Populationsdichte. Schlechte Witterungsbedingungen beeinflussen allerdings deutlich die MortalitĂ€t der KĂ€lber. Nahrungsmangel im Winter kann ebenfalls zu BestandsrĂŒckgĂ€ngen fĂŒhren.
An Krankheiten treten beim Rothirsch Viruserkrankungen wie Tollwut, Maul- und Klauenseuche auf. Die KreuzlĂ€hme wird bestĂ€tigt. Sie werden auĂerdem von bakteriellen Erkrankungen wie Milzbrand, Rinderseuche, Tuberkulose und Aktinomykose befallen. Parasitenbefall fĂŒhrt nur im Ausnahmefall zum Tod der Tiere. Ein starker Befall kann jedoch die VitalitĂ€t eines einzelnen Tieres so beeinflussen, dass es schlechte Witterungsbedingungen oder einen harten Winter mit reduziertem Nahrungsangebot nicht ĂŒbersteht. Zu den beim Rothirsch zu findenden Parasiten zĂ€hlen SaugwĂŒrmer, BandwĂŒrmer, Dasselfliegen, LungenwĂŒrmer, Zecken, HirschlĂ€use und Rachenbremsen wie Cephenomyia rufibarbis und Pharyngomyia picta. Rachenbremsen legen ihre Brut am Rand der Nasenlöcher des Rothirsches ab. Die Larven wandern dann tief in die Nasen- und Rachenhöhle und erschweren die Atmung erheblich. Individuen mit hohem Befall an Rachenbremsenlarven magern hĂ€ufig stark ab.
Systematik
Allgemeine Einordnung
Der Rothirsch ist eine Art aus der Gattung der Edelhirsche (Cervus) und der Familie der Hirsche (Cervidae). Die Edelhirsche gehören wiederum innerhalb der Hirsche zur Unterfamilie der Cervinae und zur Tribus der Echten Hirsche (Cervini). Nahe verwandt mit den Edelhirschen sind der Davidshirsch (Elaphurus) und die Leierhirsche (Panolia). Laut molekulargenetischen Studien formte sich die Linie der Edelhirsche im ausgehenden Oberen MiozĂ€n vor etwa 6 Millionen Jahren heraus.cite-ref-lorenzini-et-al-2015-80-0[80] Die Edelhirsche schlieĂen neben dem west- bis nordeurasischen Rothirsch auch den nordamerikanischen und osteurasischen Wapiti (Cervus canadensis) sowie verwandte Arten wie unter anderem den Isubrahirsch (Cervus xanthopygus), verschiedene zentral- und ostasiatische Formen wie den China-Rothirsch (Cervus hanglu), den Sikahirsch (Cervus nippon) und den WeiĂlippenhirsch (Cervus albirostris) wie auch den weitgehend sĂŒd- und sĂŒdostasiatisch verbreiteten Sambar (Cervus unicolor) nebst dessen Verwandtschaftsumfeld mit ein. Einige davon wie der WeiĂlippenhirsch und die Sambare galten teilweise als eigenstĂ€ndige Gattungen (Przewalskium und Rusa) oder Untergattungen.cite-ref-ellermann-et-al-1966-81-0[81]cite-ref-wilson-reeder-2005-82-0[82] Hier zeigten aber genetische Studien eine umfassendere Monophylie, die alle genannten Formen einbezieht und die deshalb alle zur Gattung Cervus gezĂ€hlt werden.cite-ref-hassanin-et-al-2012-83-0[83]cite-ref-groves-et-al-2011-84-0[84]cite-ref-groves-2014-85-0[85] Als einendes Merkmal aller Edelhirsche kann die vergleichsweise ursprĂŒngliche SchĂ€delgestaltung genannt werden, was sich unter anderem in einem Ă€hnlich den Muntjakhirschen (Muntiacini) dreieckigen Basioccipitale, des Weiteren einer langgedehnten Verbindung zwischen dem Nasenbein und dem Mittelkieferknochen, einem prinzipiell langen Nasenbein, das die LĂ€nge der oberen Zahnreihe ĂŒbertrifft, kleinen oberen EckzĂ€hnen und im Unterschied zu den Damhirschen (Dama) hohen Rosenstöcken ausdrĂŒckt.cite-ref-croitor-2014-86-0[86]cite-ref-croitor-2018-87-0[87]
Noch in der zweiten HÀlfte des 20. Jahrhunderts und dem Beginn des 21. Jahrhunderts wurde der Rothirsch als weitaus umfassendere Art aufgefasst, die nicht nur die westeurasischen Vertreter, sondern auch den nordamerikanischen Wapiti und die zentralasiatischen Formen unter der wissenschaftlichen Bezeichnung Cervus elaphus aufnahm. Innerhalb dieser Gruppe wurden bis zu 20 Unterarten ausdifferenziert.cite-ref-ellermann-et-al-1966-81-1[81]cite-ref-wilson-reeder-2005-82-1[82] In der Folgezeit nahmen genetische Analysen an den Angehörigen der Edelhirsche zu. Dabei lieà sich innerhalb der rothirschartigen Tiere eine westliche Gruppe mit dem eigentlichen Rothirsch und eine östliche Gruppe mit dem Wapiti unterscheiden. Der Wapiti und seine Verwandtschaft erwies sich als nÀher zum Sikahirsch stehend, wÀhrend die zentralasiatischen Formen um den China-Rothirsch Beziehungen zur westlichen Klade ergaben.cite-ref-ludt-et-al-2004-79-1[79]cite-ref-pitra-et-al-2004-88-0[88]cite-ref-meiri-et-al-2018-89-0[89] Die aufgebrachten Ergebnisse erforderten eine Aufspaltung der Art Cervus elaphus, wodurch der Wapiti und folgend auch der China-Rothirsch abgespalten und als eigenstÀndig anerkannt wurden.cite-ref-groves-et-al-2011-84-1[84]cite-ref-lorenzini-et-al-2015-80-1[80]
Unterarten
Es besteht derzeit keine Einigkeit ĂŒber die Unterarten des Rothirsches. In jĂŒngeren Systematiken werden weitgehend vier Formen abgetrennt, so unter anderem im zweiten Band des Standardwerkes Handbook of the Mammals of the World aus dem Jahr 2011 (abzĂŒglich der Vertreter des China-Rothirsches), wobei eine fĂŒnfte Unterart erst nachfolgend wissenschaftlich eingefĂŒhrt wurde:cite-ref-mattioli-2011-2-3[2]cite-ref-zachos-et-al-2014-90-0[90]
âą EuropĂ€ischer Rothirsch (Cervus elaphus elaphus Linnaeus, 1758): Kontinental-Europa und Britische Inseln,cite-ref-mattioli-2011-2-4[2] wĂ€hrend die Unterart in Nordwesteuropa recht hĂ€ufig ist, sind die BestĂ€nde in den MittelmeerlĂ€ndern stark zurĂŒckgegangen. In GroĂbritannien sind Rothirsche zwar recht hĂ€ufig, hier hat aber die EinfĂŒhrung von nordamerikanischen Wapitis und japanischen Sikahirschen zu einer Vermischung gefĂŒhrt, so dass es dort kaum noch reine europĂ€ische Rothirsche gibt.
âą Berberhirsch (Cervus elaphus barbarus Bennett, 1848): Nordafrika, schon zu römischen Zeiten bejagt, waren zuletzt nur noch versprengte Tiere im Atlas ĂŒbrig. In letzter Zeit haben sich die BestĂ€nde in Algerien, Marokko und Tunesien wieder auf 5000 vergröĂert, so dass die IUCN den Berberhirsch momentan nur als âgering gefĂ€hrdetâ fĂŒhrt.
âą Korsischer, Sardischer oder auch Tyrrhenischer Rothirsch (Cervus elaphus corsicanus Erxleben, 1777): Korsika und Sardinien. Es ist allerdings nicht geklĂ€rt, ob dies tatsĂ€chlich eine natĂŒrlich entstandene Unterart ist oder von schon in der Antike eingefĂŒhrten Rothirschen des Festlands abstammt. Genetisch unterscheidet sich diese Unterart jedenfalls kaum vom Nordafrikanischen Berberhirsch. Auf Sardinien leben noch etwa 200 Tiere, die durch Habitatzerstörung und Jagd bedroht sind. Auf Korsika war diese Unterart ganz ausgestorben, inzwischen wurden allerdings Rothirsche von Sardinien aus eingefĂŒhrt.
âą Cervus elaphus italicus Zachos, Mattioli, Ferretti & Lorenzini, 2014: lebt in der Region um Mesola in Italien.
Andere Autoren fassen die genannten Unterarten auch als eigenstĂ€ndige Arten auf, etwa eine Revision der Huftiere aus dem Jahr 2011 erstellt durch Colin P. Groves und Peter Grubb.cite-ref-groves-et-al-2011-84-2[84] Es existiert darĂŒber hinaus aber teilweise auch die Ansicht einer umfassenderen Gliederung des Rothirsches. Demnach beschrĂ€nkt sich die Nominatform Cervus elaphus elaphus auf den sĂŒdskandinavischen Raum. FĂŒr die mittel- und osteuropĂ€ischen Tiere wird dann teilweise die Unterart Cervus elaphus hippelaphus angenommen, fĂŒr jene der Britischen Inseln und von Irland Cervus elaphus scoticus, fĂŒr den Iberischen Raum Cervus elaphus hispanicus und fĂŒr die nordskandinavischen Vertreter Cervus elaphus atlanticus.cite-ref-wilson-reeder-2005-82-2[82] Mitunter findet sich eine derartige Trennung in verschiedenen genetischen Studien,cite-ref-lorenzini-et-al-2015-80-2[80]cite-ref-meiri-et-al-2018-89-1[89] was andererseits auch zu Kritik fĂŒhrt.cite-ref-doan-et-al-2022-91-0[91]
Studien zur Phylogeographie und Populationsstruktur des westeurasischen Rothirsches ergaben indes eine Aufteilung in vier bis fĂŒnf gröĂere Kladen, die sich anhand der Haplotypen unterscheiden lassen. Von diesen besiedelt Haplogruppe A einen gröĂeren Teil des west-, zentral- und nordeuropĂ€ischen Raumes. Haplogruppe C und D sind hingegen im sĂŒdöstlichen Europa zu finden, Haplogruppe E in Osteuropa. Als weitere Einheit umfasst Haplogruppe B die Tiere des mediterranen Raumes. Diese schlieĂt den Korsischen Rothirsch sowie den Berberhirsch mit ein, deren Haplotyp identisch mit dem der Tiere der Apenninen-Halbinsel ist und deren heutige Verbreitung möglicherweise direkt oder indirekt auf den Menschen zurĂŒckgeht.cite-ref-92[92]
Generell ist die heutige Verteilung des Rothirsches im westlichen Eurasien wohl als Resultat von genetischen FlaschenhĂ€lsen aufzufassen, die wĂ€hrend des Maximums der Letzten Kaltzeit entstanden. In diesem Zeitraum war das Verbreitungsgebiet durch den sich ausdehnenden fennoskandischen Eisschild stark eingeschrĂ€nkt, so dass sich die Art auf einzelne Refugien im sĂŒdwestlichen, sĂŒdlichen und sĂŒdöstlichen Europa zurĂŒckziehen musste.cite-ref-skog-et-al-2009-93-0[93]cite-ref-zachos-et-al-2011-94-0[94]cite-ref-doan-et-al-2022-91-2[91]
Stammesgeschichte
Molekulargenetisch lĂ€sst sich die Linie der Edelhirsche bis in das ausgehende MiozĂ€n verfolgen. Der Ursprung der Gattung Cervus ist nicht ganz eindeutig, könnte aber in Asien liegen.cite-ref-ludt-et-al-2004-79-2[79] Teilweise werden unter anderem sehr alte Funde aus dem PliozĂ€n aus den Siwaliks in SĂŒdasien berichtet.cite-ref-ghaffar-et-al-2011-95-0[95] Auch im westlichen Eurasien treten im PliozĂ€n Formen auf, die vereinzelt zu Cervus geordnet werden. Hierzu zĂ€hlt etwa âCervusâ warthae aus WÄĆŒe in Polen, dessen phylogenetische Stellung aber nicht eindeutig ist, da auch ein Verweis zu Pseudodama möglich erscheint.cite-ref-croitor-et-al-2009-96-0[96]
Relativ sicher ist, dass mit Cervus nestii und Cervus abesalomi im AltpleistozĂ€n erstmals eindeutige Angehörige der Edelhirsche im westlichen Eurasien erscheinen. Die relativ kleinen Formen von nur rund 70 kg Körpergewicht zeichnen sich durch ein Geweih aus, dessen einzelne Stangen je vier Enden aufweisen. Sie sind beispielsweise aus der Toskana oder vom bedeutenden frĂŒhmenschlichen Fundplatz Dmanissi in Georgien belegt.cite-ref-croitor-2006-97-0[97]cite-ref-croitor-2014-86-1[86]cite-ref-croitor-2018-87-1[87]cite-ref-croitor-2022-98-0[98]
Zu Beginn des MittelpleistozĂ€ns lassen sich dann auch erstmals VorlĂ€ufer des heutigen Rothirsches nachweisen. Diesen frĂŒhen Formen von Cervus elaphus ist ein gegenĂŒber Cervus nestii und Cervus abesalomi komplexeres Geweih zu eigen, bei dem jeweils ein Eisspross ausgebildet wird, welcher bei letzteren beiden grundsĂ€tzlich fehlt. Eine weitere auffĂ€llige Neuerung findet sich in der AusprĂ€gung der Geweihkrone aus mehreren Sprossen bei Ă€lteren Individuen, welche sich erst im entwickelten MittelpleistozĂ€n evolutiv herausformt. Dies fĂŒhrte auch dazu, dass bei den stammesgeschichtlich jĂŒngeren Vertretern des Rothirsches im Gegensatz zu seinen Ă€lteren Angehörigen nicht mehr alle Sprossen in der Ebene der Geweihstange ausgerichtet waren.cite-ref-made-1998-99-0[99]cite-ref-made-2010-100-0[100]
Insgesamt wurden die Tiere deutlich gröĂer und verfĂŒgten zudem ĂŒber einen stĂ€rker molarisierten vierten Vormahlzahn, das heiĂt der Zahn Ă€hnelte deutlicher den MahlzĂ€hnen als bei Ă€lteren Angehörigen der Gattung Cervus. Sehr frĂŒhe Funde wurden aus den Mosbacher Sanden berichtet. Teilweise werden die pleistozĂ€nen Vertreter des Rothirsches eigenen Unterarten wie Cervus elaphus acoronatus, Cervus elaphus angulatus oder Cervus elaphus rianensis zugesprochen.cite-ref-croitor-2006-97-1[97]cite-ref-croitor-2014-86-2[86]cite-ref-croitor-2018-87-2[87]cite-ref-croitor-2022-98-1[98] Im weiteren Verlauf des MittelpleistozĂ€ns ist der Rothirsch ein regelmĂ€Ăiger Anwesender an zahlreichen Fundstellen, im Bereich nördlich der Alpen etwa in Mauer bei Heidelberg oder in Bilzingsleben und Ehringsdorf in ThĂŒringen ebenso wie in Swanscombe in England. Im weiteren europĂ€ischen Kontext finden sich bedeutende Fundstellen in VĂ©rtesszĆlĆs in Ungarn, in Petralona in Griechenland oder an verschiedenen LokalitĂ€ten in der Sierra de Atapuerca in Spanien. Der Rothirsch bildet hierbei einen typischen ReprĂ€sentanten warmzeitlicher Faunengemeinschaften, der wĂ€hrend der Kaltzeiten aus den nördlichen Verbreitungsgebieten verschwand. Auffallend ist auch, dass der Rothirsch im Laufe seiner Entwicklung im PleistozĂ€n einer flukturierenden KörpergröĂenĂ€nderung unterlag.cite-ref-made-2010-100-1[100]
Rothirsch und Mensch
JĂ€gersprache
Da der Rothirsch oder allgemein das Rotwild zu den hÀufig bejagten Tierarten gehört, hat sich eine umfangreiche jagdliche Fachsprache, die JÀgersprache ausgebildet, die teilweise durch die Jahrhunderte dauernde Praxis sowie durch die Belletristik Eingang in die allgemeine Sprache gefunden hat.cite-ref-101[101]cite-ref-102[102]cite-ref-103[103]
Weibliche Tiere werden als Hirschkuh, poetisch veraltet Hinde oder Hindin, jagdlich aber als Tier oder Kahlwild (nur im Plural), und das Jungtier als Kalb bezeichnet. Ein Weibchen, das bereits ein Kalb geworfen oder fachsprachlich gesetzt hat, wird als Alttier bezeichnet. Ein fĂŒhrendes Alttier ist ein Alttier, das von einem diesjĂ€hrigen Kalb begleitet wird. Kahlwild im zweiten Lebensjahr sind Schmaltiere. Unfruchtbare oder alte, nicht mehr setzende HirschkĂŒhe nennt man Gelttiere.
MĂ€nnliches Rotwild heiĂt Hirsch. Hirsche werden nach der Endenzahl ihrer Geweihstangen unterschieden. Ein Zwölfender ist beispielsweise ein Rothirsch, bei dem mindestens eine Geweihstange sechs Enden oder Sprossen aufweist. Ist dies bei beiden Geweihstangen der Fall, spricht man von einem âgeradenâ Zwölfender, hat eine der beiden Stangen weniger Enden, von einem âungeradenâ. Die Geweihstangen sitzen dabei auf kurzen Stirnzapfen, den Rosenstöcken. JĂ€hrlich baut der Hirsch auf diesen Rosenstöcken ein neues Geweih auf, nachdem er im Februar (alter Name: Hornung) die Stangen des Vorjahres abgeworfen hat. Junge Hirsche, deren Geweihe noch keine VerĂ€stelungen aufweisen, nennt man SpieĂer. Aus dem SpieĂer wird ein Gabler, d. h., dass die Stange zu einer Gabel geformt ist.
Ein Hirsch mit drei Enden pro Stange wird zum Sechser, mit vier zum Achter usw. Ein Hirsch mit mindestens drei Enden am Ende der Stange hat eine Krone und heiĂt deswegen Kronenhirsch. Diese Entwicklung muss nicht immer so chronologisch erfolgen: So kann es schon junge Hirsche mit fortgeschrittener Geweihentwicklung geben. Je nach Alter und Stangenentwicklung werden Hirsche in jagdliche Klassen eingeteilt und entsprechend erlegt oder geschont. Ein Ziel jagdlicher Entwicklung in allen Jagdgesetzen der BundeslĂ€nder ist die Entwicklung zu reifen Hirschen, die dem Hegeziel entsprechen.cite-ref-104[104] Das Fell wird als Decke bezeichnet und in Sommerdecke und Winterdecke unterschieden. Lichter ist die Bezeichnung fĂŒr die Augen, die Ohren werden auch Lauscher genannt, die Nase Windfang. Wedel als Bezeichnung fĂŒr den Schwanz sowie Ăser fĂŒr das Maul gehören zu den Jagdbegriffen. Die Paarungszeit, in der das Röhren der Hirsche hĂ€ufig weithin zu hören ist, heiĂt Brunft.
Vorgeschichte
In der Geschichte der menschlichen Entwicklung spielte der Rothirsch eine gröĂere Rolle. Vor allem in der Altsteinzeit war er eine wichtige Nahrungsquelle. An der altpalĂ€olithischen Fundstelle Bilzingsleben stellen Hirsche rund 13 % aller GroĂsĂ€ugerfunde, ein GroĂteil davon entfĂ€llt auf den Rothirsch. Die Reste werden als Jagdbeute des dort ansĂ€ssigen Homo erectus gedeutet. Einzelne bearbeitete Geweihreste könnten hier auch fĂŒr eine frĂŒhe Rohmaterialnutzung sprechen.cite-ref-mania-1997-105-0[105] Ebenso verweisen Schnittspuren an Rothirschknochen von der mittelpalĂ€olithischen Station Neumark-Nord 1 im Geiseltal in Sachsen-Anhalt auf die Verwertung der Kadaver durch den frĂŒhen Menschen, wĂ€hrend Durchbohrungen an Wirbeln und Beckenknochen des dortigen Damhirschs eine aktive Erbeutung zumindest dieser Hirschart annehmen lassen.cite-ref-gaudzinski-et-al-2018-106-0[106]
Im JungpalĂ€olithikum nahm die Bedeutung des Rothirsches als Rohmaterialressource weiter zu. Knochen und Geweihe wurden zu Werkzeugen und GerĂ€ten verarbeitet. Die Tiere fanden zudem Einzug in die jungpalĂ€olithische Kunst. Allein rund 14 % aller Tierdarstellungen der Frankokantabrischen Höhlenmalerei entfallen auf den Rothirsch. Herausragende Abbildungen finden sich unter anderem in Lascaux und in Covalanas. Einzigartig ist der Dieu cornu (âgehörnter Gottâ) in Trois-FrĂšres, ein Mischwesen mit den Beinen eines Menschen, dem Schwanz eines Pferdes, den Pranken eines BĂ€ren, Augen eines Greifvogels und einem Hirschgeweih.cite-ref-107[107]cite-ref-bosinski-1987-108-0[108]cite-ref-lorblanchet-1997-109-0[109]
Die rituelle, zumindest aber symbolische Bedeutung des Rothirsches setzt sich im Mesolithikum fort. Zu nennen sind hier die sogenannten âHirschgeweihmaskenâ, die möglicherweise zur Ausstattung damaliger Schamanen gehörten, wie etwa ein derartiges Objekt allerdings vom Reh aus dem Grab einer Frau in Bad DĂŒrrenberg in Sachsen-Anhalt zeugt. Mehrere Ă€hnliche StĂŒcke aus SchĂ€deln des Rothirsches gefertigt sind unter anderem aus der Freilandstation von Hohen Viecheln in Mecklenburg-Vorpommern und von Star Carr in England bezeugt.cite-ref-wild-et-al-2020-110-0[110] Auch mit der Sesshaftwerdung des Menschen und zunehmenden Haustierzucht endete die Jagd auf den Rothirsch nicht. Knochen der Art finden sich an zahlreichen Fundstellen des Neolithikums und der Bronzezeit. Den Stellenwert der Jagd auf den Rothirsch bekunden zudem szenische Abbildungen der spĂ€ten Bronzezeit auf FelswĂ€nden oder auf GefĂ€Ăen in zahlreichen Regionen Europas.cite-ref-jockenh-vel-et-al-2001-111-0[111]
Altertum
Als Ă€ltestes ĂŒberliefertes Jagdbuch gilt das von Xenophon verfasste âKynegetikosâcite-ref-112[112] aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. Es befasst sich unter anderem auch mit der Jagd auf den Hirschen. Die Jagd auf den Rothirsch stand mindestens zum Ende des Römischen Reichs noch allen offen.
Mittelalter
In Europa begann sich spĂ€testens ab dem 8. Jahrhundert allmĂ€hlich ein Jagdrecht zu entwickeln, das die Jagd zunehmend einschrĂ€nkte und als ein Privileg des Adels definierte. Dabei zĂ€hlte das Rotwild neben dem Wildschwein und dem Rehwild sehr frĂŒhzeitig zu dem Wild, dessen Bejagung nur dem Hochadel als Privileg zustand.cite-ref-113[113] Zu den frĂŒhen Jagdmethoden in Mitteleuropa gehörte die Heckenjagd, die sich vermutlich bereits in germanischer Zeit entwickelt hatte.cite-ref-114[114] Dabei pflanzte man Hecken mit DurchlĂ€ssen so an, dass das vor Treibern flĂŒchtende Wild die DurchlĂ€sse passieren musste. Daraus entwickelten sich allmĂ€hlich die Hetz- und Ăberlandjagden, die zu den herrschaftlichen VergnĂŒgungen zĂ€hlten und vor allem in Frankreich praktiziert wurden. FĂŒr diese Form der Jagd brauchte man gut geschulte Hundemeuten: La chasse du cerf (âDie Bejagung des Hirschenâ) aus der zweiten HĂ€lfte des 13. Jahrhunderts zĂ€hlt zu den Ă€ltesten Werken der Jagdliteratur, das sich ausschlieĂlich der Rothirschjagd widmet. In dieser in Versform verfassten Lehrschrift wird besonders ausfĂŒhrlich die Ausbildung des Leithundes beschrieben.cite-ref-115[115] Um ausreichend Wild fĂŒr die herrschaftlichen Jagden zur VerfĂŒgung zu haben, wurde eine Wilddichte gefördert, die auf den Feldern der Bauern zu erheblichen WildschĂ€den fĂŒhrte. In der antikencite-ref-116[116] und mittelalterlichen Heilkunde war das Os de corde cervi, der âHerzknochenâ aus der Herzscheidewand des Rothirschencite-ref-117[117] Bestandteil des pharmazeutischen Repertoires.
Barock
Eine hohe Populationsdichte wurde auch wĂ€hrend des Barock angestrebt. Die reprĂ€sentative Jagd auf den Rothirsch war unverzichtbarer Bestandteil des höfischen Zeremoniells, zu deren AusĂŒbung aufwĂ€ndig gestaltete Waffen gehörten. PrestigetrĂ€chtiges Wild waren Rothirsch und Wildschwein. Dem Reh wurde ein weit geringerer Wert beigemessen. Neben der nach wie vor praktizierten Parforcejagd auf Hirsche sind sogenannte âeingestellte Jagdenâ fĂŒr diese Zeit typisch. Dazu musste die Landbevölkerung Rothirsche und Wildschweine ĂŒber eine Zeit von vier bis fĂŒnf Wochen auf eine zunehmend kleiner werdende FlĂ€che zusammentreiben. War die FlĂ€che hinreichend klein, wurde sie mit Lappen, Netzen und TĂŒchern so eingezĂ€unt, dass die Ausbruchsgefahr gering war.
Mit der Vorbereitung und Bewachung des Wildes waren bis zum eigentlichen Jagdtag Hunderte von Personen beschĂ€ftigt, darunter neben einer Vielzahl von Frondienst leistenden Bauern so spezialisierte Berufsgruppen wie âJagd-Schneiderâ und âJagd-Seilerâ.cite-ref-118[118] Am Jagdtag wurde das Wild so getrieben, dass es sich optimal fĂŒr den Abschuss prĂ€sentierte. AnlĂ€sslich der Hochzeitsfeierlichkeiten von Herzog Carl von WĂŒrttemberg mit der MarkgrĂ€fin Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth im Jahre 1748 wurden beispielsweise die 800 zusammengetriebenen Rothirsche und Wildschweine ĂŒber einen Teich so auf die in einem Pavillon versammelte Jagdgesellschaft zugetrieben, dass diese bequeme Abschussmöglichkeiten hatte. Der âErfolgâ solcher Jagden wurde am betriebenen Aufwand und der erlegten StĂŒckzahl gemessen.
Romantik
Mit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert endeten die Jagdformen des Barock. Vor dem Hintergrund der Romantik bildete sich zunehmend eine andere Jagdethik aus, die ein waidgerechtes Jagen betonte. Der âhirschgerechteâ JĂ€ger, der die hirschgerechten Zeichen kannte, wurde zur Grundlage der JagdausĂŒbung. Die verĂ€nderte Rechtslage fĂŒhrte nach 1848 auĂerdem in vielen LĂ€ndern zu einem starken RĂŒckgang des Rothirschbestandes: Das Jagdrecht war nun an den Grundbesitz gebunden und die Landwirte, die sich in der Vergangenheit hĂ€ufig durch die dank Ăberhege hohen WildbestĂ€nde in ihrer Existenz bedroht sahen, sorgten fĂŒr drastische BestandsrĂŒckgĂ€nge.
In der Schweiz war um 1850 der Rothirsch sogar vollstĂ€ndig ausgerottet. Die Jagd begann gleichzeitig zunehmend den bĂŒrgerlichen Kreisen offenzustehen. Ab der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts war die Jagd so sehr zur FreizeitbeschĂ€ftigung eines zunehmend selbstbewussten BĂŒrgertums geworden, dass sie sogar den wirtschaftlichen Hintergrund einer Jagdmalerei und -literatur bot.cite-ref-119[119]
Kennzeichnend fĂŒr diese Zeit ist die hohe Bedeutung, die der erjagten TrophĂ€e â im Falle der Rothirsche dem Geweih und den HirscheckzĂ€hnen â beigemessen wurde. Hegeziel war entsprechend ein Rothirschbestand, der eine hohe Zahl von Hirschen mit gut entwickelten Geweihen aufwies. in der Kunst spielte das Motiv des Röhrenden Hirsches eine groĂe Rolle.
Gegenwart
Die heute in Deutschland ĂŒblichen Jagdmethoden auf den Rothirsch sind die Ansitzjagd und die DrĂŒckjagd. Die Bejagung wird vorrangig als notwendige RegulierungsmaĂnahme begriffen, die die Voraussetzung fĂŒr eine naturnahe Waldwirtschaft schafft und SchĂ€den auf landwirtschaftlichen FlĂ€chen reduziert.cite-ref-120[120]
Jagd- und Hegeziel ist ein Rothirschbestand, der sich in Zahl und Zusammensetzung an den natĂŒrlichen Ressourcen seines Lebensraumes ausrichtet.cite-ref-121[121] Jagdberechtigte und Waldbesitzer halten dabei entsprechend ihrer jeweiligen Interessenlage eine unterschiedliche Bestandshöhe fĂŒr angemessen. In Deutschland legen die Jagdbehörden auf Basis des § 21 Abs. 2 des Bundesjagdgesetzes erstellte AbschussplĂ€ne fest, welche Anzahl von mĂ€nnlichem und weiblichem Rotwild pro Jagdrevier erlegt werden.
SchÀden durch Rothirsche
Der Rothirsch ist ursprĂŒnglich Bewohner offener und halboffener Landschaften gewesen. Im Jahresverlauf kamen und kommen durchaus ausgedehnte Wanderungen zwischen Sommer- und WintereinstĂ€nden vor, die sowohl fĂŒr den Nahrungserwerb als auch fĂŒr den Genaustausch wichtig sind. In Mitteleuropa wird der Rothirsch durch den Menschen heute hauptsĂ€chlich in groĂe Waldgebiete zurĂŒckgedrĂ€ngt. In den WintereinstĂ€nden erfolgen zudem Störungen durch Menschen. Zum Teil bewirken diese von Menschen ausgehenden VerĂ€nderungen und die Reduzierung seines Lebensraums die WildschĂ€den, die der Rothirsch in der Forst- und Landwirtschaft auslöst. Heute fĂŒhrt dies zu Konflikten zwischen Jagdberechtigten, Waldbesitzern und Landwirten.
Feldschaden
Der Schaden, den Rotwild auf Feldern und Ăckern anrichten kann, ist einer breiten Ăffentlichkeit seit langem bewusst. Meist wird dabei in Getreidefeldern (Weizen, Mais) zur jeweiligen Zeit der Milchreife bis zur Reife sowohl FraĂ- als auch Trittschaden verursacht. Die Jagdgesetze der einzelnen LĂ€nder regeln die EntschĂ€digungen, welche Landwirte fĂŒr WildschĂ€den auf ihren Feldern erhalten.
Waldschaden
Der Schaden, den ĂŒberhöhte Rothirsch- und auch RehbestĂ€nde in Waldbiotopen anrichten können, wurde vor dem Hintergrund des Waldsterbens erst seit den 1970er Jahren öffentlich breit diskutiert. Der Beginn der Diskussion im deutschsprachigen Raum wird vor allem mit Horst Sterns Film âBemerkungen ĂŒber den Rothirschâ verknĂŒpft, der Weihnachten 1971 ausgestrahlt wurde und unter anderem die Aufmerksamkeit auf die ökologischen SchĂ€den eines zu hohen Rothirschbestandes lenkte.cite-ref-122[122] Diese Diskussionen bewirkten in erheblichem MaĂe die heute ĂŒblicherweise verfolgten Jagd- und Hegeziele. Es ist jedoch durchaus sachgerecht, auch die Art der Wald- und Feldbewirtschaftung als Schadensursache heranzuziehen, weil durch Intensivbewirtschaftung integrierte LebensrĂ€ume vernichtet werden.
SchÀden im Wald durch Rotwild entstehen durch Verbiss, SchÀlen von BÀumen sowie, in geringerem Umfang, durch das Fegen des Geweihs im Sommer und bestimmte Imponierhandlungen des Hirsches wÀhrend der Brunft, wie Bodenforkeln und Schlagen des Geweihs an BÀume in Form einer Kampfersatzhandlung.
SchÀlen
Rothirsche schĂ€len BĂ€ume, indem sie mit den SchneidezĂ€hnen im Unterkiefer etwa in Schulterhöhe die Baumrinde erfassen und sie vom Stamm abziehen.cite-ref-123[123] Im Sommer schĂ€len Rothirsche, weil sich lange RindenstĂŒcke einfach abschĂ€len lassen; im Winter ist SchĂ€lung vor allem eine Reaktion auf Nahrungsknappheit.
Verbiss
Rothirsche fressen auĂerdem junge Baumtriebe, in denen sich fĂŒr ihre ErnĂ€hrung wichtige NĂ€hrstoffe befinden. Verbissen werden sowohl die Leittriebe junger BĂ€ume, wie auch Zweige und Ăste. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf den Pflanzenbestand. Ăkologisch entsteht eine Entmischung der Baumarten. Aus Sicht der Waldwirtschaft ist der Verbiss des zentralen Leittriebs besonders kritisch, da er zu KrĂŒppelwuchs fĂŒhrt oder zur Folge hat, dass einzelne Baumarten gar nicht aufkommen. Als besonders kritisch gilt dieses FreĂverhalten den BergwĂ€ldern, wo ein zu hoher Bestand an Hirschen und Wildschweinen wegen der verursachten FraĂschĂ€den zu einem RĂŒckgang der Schutzfunktion des Bergwaldes gegen Erosion und Lawinen fĂŒhrt.cite-ref-124[124] Wo dies möglich ist, werden hĂ€ufig FlĂ€chen mit nachwachsendem Baumbestand angelegt, damit Rothirsche keinen Zugang haben.
GegenmaĂnahmen
Nicht zuletzt, um die wirtschaftlichen SchĂ€den im Wald zu reduzieren, werden in Deutschland jĂ€hrlich rund 70.000 StĂŒck Rotwild erlegt. Allerdings trĂ€gt die Art und Weise der Jagd an vielen Stellen zu einer VerschĂ€rfung der Konflikte mit der Land- und Forstwirtschaft bei: Neben vielen menschlichen Störungen wird das Rotwild auch durch die Anwesenheit des JĂ€gers im Revier beunruhigt und zieht sich in immer dichtere Waldbereiche zurĂŒck. Hier muss der Hunger notgedrungen mit Baumrinde gestillt werden (schĂ€len).cite-ref-125[125]
MaĂnahmen zur Schadensbegrenzung
Die Regulation von Rothirschpopulationen soll sicherstellen, dass sich die Hauptbaumarten des jeweiligen Waldreviers natĂŒrlich verjĂŒngen und die standörtlich typische Bodenvegetation gedeiht.cite-ref-126[126] Mitunter kommt es zum Absterben der BĂ€ume durch Hirschverbiss. Ziel der Hege ist hĂ€ufig entsprechend, durch verschiedene MaĂnahmen solche Rothirschkonzentrationen zu vermeiden, z. B. durch Lenkung der Waldbesucher.cite-ref-127[127] Besonders effizient ist wohl die Anlage von abgelegenen, verdeckten FressflĂ€chen, die innerhalb geschlossener BestĂ€nde zugelassen werden und nicht durch nahe Wege erschlossen werden. In den Alpen- und MittelgebirgswĂ€ldern, in denen man den Eurasischen Luchs wieder ansiedeln konnte, hat man auĂerdem die Erfahrung gemacht, dass der Luchs gröĂere Rothirschkonzentrationen auf Dauer verhindert und die Tiere zwingt, sich beim Fressen auf gröĂere FlĂ€chen zu verteilen, was ebenfalls zu einer niedrigeren Verbissbelastung fĂŒhrt.cite-ref-128[128] Zu den MaĂnahmen, die SchĂ€lung und VerbissschĂ€den an WaldbĂ€umen mindern, gehört auch die FĂŒtterung. Sie ist umstritten, da je nach DurchfĂŒhrungsform unterschiedliche Interessen mit ihr verfolgt werden können. Eine FĂŒtterung kann sich darauf beschrĂ€nken, in den Wintermonaten Heu als Zusatzfutter anzubieten. Ein Extrem stellt eine FĂŒtterung dar, bei der neben Heu und Silage ĂŒber einen langen Zeitraum auch ZuckerrĂŒben, Trester, Kraftfutter wie Mais und Getreide sowie Brot gefĂŒttert wird. Eine solche FĂŒtterung kann zum Ziel haben, möglichst starke GeweihtrĂ€ger heranzuziehen und im Revier eine unnatĂŒrliche Dichte an Rothirschen zu halten. Diese FĂŒtterung ist heute durch die Jagdgesetze weitgehend verboten.
In Ăsterreich werden zum Schutz des Waldes in Regionen mit starkem Schneefall Rothirsche in Wintergattern gehalten. Die GröĂe eines solchen Wintergatters betrĂ€gt pro 50 Rothirsche etwa 10 Hektar und besteht im Idealfall zu etwa 50 Prozent aus Wald und WiesenflĂ€chen. Auf der WaldflĂ€che werden die BĂ€ume jeweils einzeln vor SchĂ€lschĂ€den geschĂŒtzt; er soll dem Wild vor allem geschĂŒtzte RĂŒckzugsmöglichkeiten geben. Durch FĂŒtterung wird das Wild auf diese gegatterten FlĂ€chen gelockt und bis zum nĂ€chsten FrĂŒhjahr dort mit Futter versorgt.cite-ref-129[129]
Sichtweise: Verbiss als biotopgestaltender Prozess
Eine als natĂŒrlich empfundene Waldentwicklung muss nicht zwingend auch einen vollkommen natĂŒrlichen Prozess darstellen. Es gibt auch die Meinung, dass groĂflĂ€chige WĂ€lder im Tiefland Europas in erster Linie als eine Folge menschlicher Eingriffe angesehen werden mĂŒssen. Demnach wĂ€ren dichte WĂ€lder nicht als potenzielle natĂŒrliche Vegetation Mitteleuropas anzusehen, da sie erst durch die Ausrottung oder VerdrĂ€ngung und Dezimierung von Pflanzenfressern durch den Menschen entstanden wĂ€ren. Laut dieser viel diskutierten Megaherbivorenhypothese wĂ€re Wildverbiss also als natĂŒrlicher Prozess zu verstehen, der zu natĂŒrlicheren, offenen Weidelandschaften fĂŒhrt, die von Vertretern der Hypothese als die ursprĂŒngliche Vegetation des europĂ€ischen Flachlandes angesehen werden.cite-ref-130[130]
Es ist fraglich, ob unsere heutigen WildbestĂ€nde ĂŒberhaupt als ĂŒberhöht anzusehen sind. Zu beachten ist hierbei, dass neben den heutigen Arten auch Auerochsen, Wisente, Pferde, Riesenhirsche sowie auch Nashörner und Elefanten einst groĂflĂ€chig in Europa heimisch waren und wahrscheinlich auf das Aussehen der Landschaften und WĂ€lder eingewirkt haben.cite-ref-131[131] Auerochsen und Pferde sind dabei spezialisierte Grasfresser. Es wird oft nicht berĂŒcksichtigt, dass sich europĂ€ische Wildpferde im HolozĂ€n, also der Nacheiszeit, erst an die WĂ€lder evolutionĂ€r angepasst haben können, woraus man schlieĂen kann, dass der Waldbewuchs zumindest nicht flĂ€chendeckend gewesen sein kann.cite-ref-132[132] Auch der Wisent, der oftmals als Waldbewohner angesehen wurde, bevorzugte wohl ursprĂŒnglich offene Weidelandschaften als Lebensraum.cite-ref-133[133]
In Sachsen beispielsweise konnte aktuell nicht festgestellt werden, dass sich die Anwesenheit von Wölfen negativ auf die WildbestĂ€nde auswirkt. Deshalb bleibt unklar, inwiefern Bejagung durch den Menschen eine natĂŒrliche PrĂ€dation durch Beutegreifer simuliert. Hinzu kommt, dass durch menschliche Jagd meist wesentlich mehr Wild entnommen wird als durch Beutegreifer wie Wolf und Luchs.cite-ref-134[134]cite-ref-135[135]
Literatur
âą Robert D. Brown (Hrsg.): The Biology of Deer. Springer Verlag, New York 1992, ISBN 3-540-97576-4.
âą Wilfried BĂŒtzler: Rotwild â Biologie, Verhalten, Umwelt, Hege. blv Verlag, MĂŒnchen 2001, ISBN 3-405-16174-6.
âą Detlev MĂŒller-Using, Robert F. Schloeth: Das Verhalten der Hirsche (Cervidae). In: Handbuch der Zoologie. Band 8, Teilband 10, 1967, S. 733â792.
âą Ferdinand von Raesfeld, Kurt Reulecke: Das Rotwild. 9. Auflage. Paul Parey, Hamburg/Berlin 1988, ISBN 3-490-40812-8.
âą Egon Wagenknecht: Der Rothirsch. (= Die Neue Brehm-BĂŒcherei. Band 129). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 1996, ISBN 3-89432-500-3.
Weblinks
Commons
: Rothirsch
â Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
âą Literatur von und ĂŒber Rothirsch im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
⹠Cervus elaphus in der Roten Liste gefÀhrdeter Arten der IUCN 2006. Eingestellt von: Deer Specialist Group, 1996. Abgerufen am 12. Mai 2006.
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âą Der Rothirsch (Cervus elaphus) auf waldwissen.net
âą Pro Natura: Tier des Jahres 2017 â Der Rothirsch
âą Videos zu Cervus elaphus herausgegeben vom Institut fĂŒr den Wissenschaftlichen Film.
âą Video röhrender und kĂ€mpfender brĂŒnstiger Rothirsche
Einzelnachweise
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cite-note-6565. â Ilse Haseder, Gerhard Stinglwagner: Knaurs GroĂes Jagdlexikon, Weltbild, Augsburg 2000, ISBN 3-8289-1579-5, S. 251 Stichwort: forkeln.
cite-note-6666. â FĂŒr eine detailliertere Beschreibung der VorgĂ€nge, die ein Brunftrufen auslösen können, siehe BĂŒtzler, S. 122â127 sowie Raesfeld S. 137â140.
cite-note-6767. â Egon Wagenknecht: Der Rothirsch. (= Die Neue Brehm-BĂŒcherei. Band 129). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 1996, ISBN 3-89432-500-3, S. 124.
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